“Alles Gift!”: Großer kabarettistischer Wurf der Kugelblitze
Meine Erwartungen waren schon ziemlich hoch, als ich am 12. Oktober zu den Kugelblitzen ging, um mir die Premiere ihres neuen Programms “Alles Gift!” zu sehen. Diese hohe Erwartung lag vor allem an Gastregisseur Lutz von Rosenberg Lipinsky, der zum ersten Mal mit den Kugelblitzen arbeitete. Schließlich ist er selbst Kabarettist mit großer Bühnenerfahrung.
Am Ende des Abends konnte ich guten Gewissens sagen: Meine Erwartungen wurden übertroffen. Mit “Alles Gift!” ist Sabine Münz, Lars Johansen und Ernst-Ulrich Kreschel ein ganz großer kabarettistischer Wurf gelungen. Mit unglaublich großer Spielfreude und einem Feuerwerk an Pointen ließen sie die zwei Stunden Programm wie im Fluge vergehen. Regisseur Lutz von Rosenberg Lipinsky ist das Kunststück gelungen, die Stärken der drei Protagonisten herauszukitzeln und trotzdem die Kugelblitze als gewachsenes Ensemble nicht zu verbiegen. Heraus kam ein Programm, dass eines der besten ist, was ich seit langem gesehen habe.
Natürlich steht das Gift im Mittelpunkt des Programms – sowohl inhaltlich als auch in der Umsetzung. Denn nicht nur die Texte drehen sich um Gift – im Essen, in der Umgebung, in der Politik, … – auch versprühen die drei auf der Bühne immer wieder kleinere oder größere Dosen davon. Gegen sich selbst und auch gegen das Publikum – natürlich immer mit dem komödiantischen Augenzwinkern und zur Freude der Zuschauer. Da wird schon die Vorstellungsrunde, die das Programm einläutet, zur Freude, wenn Sabine Münz ihre zwei männlichen Mitstreiter als “Stoffwechselwunder und Frührentner” tituliert. Sabine Münz, die Quotenfrau des Ensembles, ist – wie schon in den voran gegangenen Programmen – der darstellerisch stärkste Part des Dreigestirns. Das zeigt sich natürlich vor allen in den musikalischen Teilen, die Lieder wurden ihr und ihrer Stimme auch dieses Mal von Komponist und Musiker Ernst-Ulrich Kreschel auf den Leib geschrieben. Doch auch ihre schauspielerische Leistung steht der gesanglichen in nichts nach. Sabine Münz ist extrem wandelbar, schlüpft in verschiedene Rollen, die sie alle gleich authentisch spielt. Wieder dabei ist natürlich das alte Ehepaar, bei dem sie als leicht Parkinson-geplagte alte Dame in diesem Programm gar nicht verstehen kann, warum sie plötzlich ihre gewohnten Tabletten nicht mehr bekommt und nicht einsehen will, warum sie sterben soll, nur um von der Krankenkasse geliebt zu werden. Und natürlich war Sabine Münz auch wieder in ihrer Paraderolle als Angela Merkel zu erleben. Dieses Mal am Grab des letzten Ministers, den sie unter die Erde gebracht hat: Ronald Pofalla. Auf diesem Friedhof der Politiker hat sie die Guttenberg-Gruft und den Stoiber-Stein eingerichtet, “und einen Komposthaufen für die Grünen”. Hier kriegt die Bundespolitik ihr kabarettistisches Fett weg – und dabei ist Sabine Münz eine ausgesprochen charmante “Mutti für alle”.
Doch auch Lars Johansen (aus dessen Feder auch die Texte des Programms stammen) und Ernst-Ulrich Kreschel laufen in diesem Programm zu Höchstleistungen auf. Kreschel schlüpft, wie schon in früheren Programmen, wieder in die Rolle des ständig betrunkenen Bauern, der inzwischen keine Frau mehr sucht, sondern viel mehr unter der in der TV-Sendung gefundenen leidet und sie schließlich versehentlich(?!) mit dem Traktor meuchelt. Hier gibt es zwar kein großes Politkabarett, dafür aber bestens unterhaltende Comedy. Für die pointierte Politsatire ist Lars Johansen zuständig. Er erklärt anhand eines Apfels die Weltwirtschaft, mit dem “Schneewittchen”-Märchen das Internet und mit Hilfe von Darmwinden den Sinn oder Unsinn von CO2-Zertifikaten. In seinem Solo nimmt er die aktuellen Ereignisse der Landes- und Kommunalpolitik aufs Korn: Skimming in der Stadtsparkasse, das schlechteste Polizeirevier Deutschlands und nicht zuletzt den Streit ums Geld zwischen OB Trümper und Finanzminister Bullerjahn. Und das mit viel Witz und Tempo.
Und als besonderes Schmankerl singen alle drei gemeinsam eine Moritat über Gammelfleisch – und das á cappella und mehrstimmig. Einer von vielen Höhepunkten dieses Programms, das man unbedingt gesehen haben sollte.
Fotos/Video: Lars Frohmüller













