{ November 7, 2009 }

Behinderten-Cartoons von Phil Hubbe: „Provozieren ohne erhobenen Zeigefinger“

Wenn man ihn um die Mittagszeit besucht, sitzt er in seinem Arbeitszimmer und zeichnet die Karikatur für die Zeitung des nächsten Tages. Phil Hubbe ist Cartoonist. Um für diesen Job immer  „up to date“ zu sein, gilt sein erster Blick am Morgen den regionalen und überregionalen Tageszeitungen, der zweite den Top-News im Internet.

hubbe

„Ich gebe zu, ich bin ein Nachrichtenfreak“, gibt Hubbe unumwunden zu. „Ein paar Tage ohne Zeitungen und Internet auskommen zu können, das ist bei mir eher die Ausnahme. Da werde ich auch ganz schnell unruhig.“ Was man verstehen kann, denn schließlich:  Immer die neuesten Geschehnisse in Politik und Gesellschaft mitzubekommen und dann in einer Karikatur zu verarbeiten, damit verdient sich Phil Hubbe schließlich seine Brötchen.

ribery

Doch Hubbe zeichnet nicht nur für Tageszeitungen, er arbeitet(e) auch für Werbeagenturen, Unternehmen und auch für die Stadt Magdeburg. Für sie entwarf er das „Putzfrau“-Maskottchen der Kampagne „Bleib sauber Magdeburg“. Und: Phil Hubbe hat vor kurzem sein drittes Cartoon-Buch auf den Markt gebracht. „MS Rainer“ heißt es und wie seine Vorgänger „Der Stuhl des Manitou“ und „Der letzte Mohikaner“ enthält es Cartoons über Behinderte. „Das kann man doch nicht machen“ – ist oft die erste Reaktion, die dieser zugegebenermaßen nicht alltäglichen Art von Cartoons entgegenschlägt, erzählt Phil Hubbe. Doch fast immer kommt diese entsetzte Reaktion nicht etwa aus den Reihen der Behinderten selbst, sondern von den nichtbehinderten Konsumenten seiner Kunst. Aber warum? „Weil diese Menschen nicht wissen, dass ich selbst behindert bin“, erzählt der Cartoonist.

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Phil Hubbe hat Multiple Sklerose. Seit 1985, seit seinem 21. Lebensjahr, hat er die „Krankheit mit den tausend Gesichtern“. Diagnostiziert wurde sie allerdings erst 1988. Die erste Reaktion des Arztes damals: „Hören Sie am besten auf zu zeichnen, bald werden Sie sowieso keinen Stift mehr halten können“. Hubbe folgte diesem „Rat“ nicht. „Natürlich war ich nach der Diagnose geschockt. Ich wusste nichts über die Krankheit. Vom Arzt bekam ich lediglich eine Broschüre, in der ich lesen ‚durfte’, was mich alles erwarten könnte. Trotzdem gab Phil Hubbe nicht auf. „Meine Freunde und meine Familie haben mich darin bestärkt, das Zeichnen nicht aufzugeben.“ Erst noch zu DDR-Zeiten, dann nach der Wende ging der gebürtige Haldensleber mit seinen Zeichnungen regelrecht „Klinken putzen“. Er bot sie Zeitungen, Zeitschriften, Verlagen an – mit Erfolg. Auch wenn sich sein ursprünglicher Traum von einem Grafikstudium nie erfüllt hat, so hat Phil Hubbe doch sein Hobby zum Beruf gemacht. „Ich glaube, die Tatsache, dass ich täglich das tun kann, was mir am meisten Spaß macht, und damit auch noch meinen Lebensunterhalt verdienen kann, hilft mir auch dabei, meine Krankheit zu bewältigen.“

stehplatz

Und so setzt er sich in seinen Cartoons ganz bewusst mit den Themen Krankheit und Behinderung auseinander. Die Idee kam ihm durch den querschnittgelähmten amerikanischen Karikaturisten John Callahan, dessen Buch mit Behindertencartoons Ende der 90er Jahre auf dem deutschen Markt erschien. „Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt: Kann man das machen? Schließlich wusste ich, dass Callahan für seine Cartoons teilweise übel beschimpft  wurde. Andererseits dachte ich mir: Wenn einer negativ reagiert, kann ich ihm ja immer sagen: Ich bin doch selbst krank“, erzählt Hubbe. Er ging das Risiko ein und ging mit seinen Zeichnungen zu anderen Behinderten, vor allem auch zu jenen seiner „Multiple Sklerose“- Selbsthilfegruppe. „Und dabei stellte sich heraus, die wenigsten Probleme mit meinen Cartoons haben die Betroffenen selbst. Im Gegenteil. Sie gaben mir sogar noch Tipps, erzählten mir ihre Erlebnisse als Behinderte, so dass ich immer wieder neuen Stoff bekam. Von den Nichtbehinderten kommt oft gar keine Reaktion, sie trauen sich einfach nicht, etwas zu sagen. Dabei will ich mit meinen Cartoons nur unterhalten, da steckt kein erhobener Zeigefinger oder sonst ein pädagogischer Ansatz dahinter. Und warum nicht Cartoons über Behinderte machen? Schließlich ist etwa jeder 10. Deutsche Inhaber eines Schwerbeschädigten-Ausweises. Und auch Krankheiten sind nicht immer nur ein Grund zum Jammern, mit Humor kann man ihnen viel besser begegnen.“

alfredanfaenger

Vielen Dank an Phil Hubbe für die Überlassung der Cartoons zum Zwecke der Veröffentlichung

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