Magdeburg trifft Mangue
Der Weg ins Millenniumsdorf ist beschwerlich. Mehr als zehn Stunden dauert die Autofahrt von Luanda. Auf den letzten Kilometern wird aus der StraĂźe ein Feldweg, am Ende ist dieser nur noch ein etwas breiterer Trampelpfad durch die beeindruckende Landschaft des sĂĽdwestafrikanischen Hochlandes.
Wir befinden uns nun in einer Höhe von etwa 1.700 Metern über dem Meeresspiegel. Wir befinden uns noch mitten in der kleinen Regenzeit, die Vegetation ist grün und üppig, zwischen den bewaldeten Hügeln ragen einzelne graue, kahle Kegelberge hervor. Zwischen den Bergen liegt auf einem Hochplateau das Dorf Mangue.

Blick auf Mangue
Knapp drei Tage haben wir Zeit, das Partnerdorf Magdeburgs zu besichtigen, mit den Menschen zu sprechen und die Arbeit der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH) zu begutachten.
Doch bevor es soweit ist, beziehen wir Quartier im Projektstützpunkt der DWHH. Das Camp besteht aus mehreren überdachten und ausgebauten Frachtcontainern und liegt einige hundert Meter außerhalb des Dorfkerns. Hier gibt es ein Büro, Schlaf- und Waschräume für die Mitarbeiter des Projektes, Strom, sanitäre Anlagen mit fließendem Wasser. Hier leben und arbeiten neben dem Projektleiter Manuel Henriques auch Techniker und Sozialarbeiter, die die Bevölkerung Mangues vor allem in Fragen der Landwirtschaft und der gesundheitlichen Aufklärung anleiten und unterstützen. Seit Anfang 2007 wohnen sie im Camp, kommen lediglich alle paar Wochen einmal nach Hause zu ihren Familien.
Unsere Gruppe wird im Camp herzlich empfangen, nach kurzer Zeit steht das Mittagessen für uns auf dem Tisch, gekocht von Frauen aus dem Dorf. Wir bekommen das, was auch in Mangue gegessen wird: Funje mit einem Gemüse aus Maniokblättern und Trockenfisch. Maniok ist ein Wurzelgemüse und in Angola ein Grundnahrungsmittel. Zu Mehl verarbeitet und mit Wasser angerührt wird aus Maniok der Funje, ein schnell sättigender Brei, der nahezu zu jeder Mahlzeit gegessen wird. Für den europäischen Gaumen gewöhnungsbedürftig. Dazu gibt es entweder Maniokblätter, die in ihrem Geschmack dem Blattspinat gleichen oder auch dicke Bohnen. Als Fleischbeilage gibt es Trockenfisch, Ziege oder Huhn. Fleisch ist allerdings schon Luxus, die Dorfbevölkerung isst in der Regel nur Funje.

Das DWHH-Projektcamp
Am Nachmittag dann besuchen wir zum ersten Mal das Dorf, die Schule und den Gesundheitsposten. Im Gesundheitsposten gibt es zwei Krankenpfleger und eine Sozialarbeiterin, die mit uns zusammen in Mangue angekommen ist. Die Einrichtung ist karg: ein Tisch, einige Stühle und eine Behandlungsliege. Medikamente sind nur wenige da, Strom gibt es keinen. Der Gesundheitsposten versorgt insgesamt 5.500 Menschen aus Mangue und den umliegenden Dörfern. Täglich kommen im Durchschnitt 25-30 Patienten vorbei, vor allem mit Malaria- und Durchfallerkrankungen. Einen Arzt gibt es hier nicht, auch keine Kommunikations- und Transportmöglichkeiten für Notfälle. Die Arbeit der Sozialarbeiter konzentriert sich auf Aufklärung der Bevölkerung zu den Themen Hygiene, Malariaprophylaxe, Geschlechtskrankheiten, AIDS.

Im Gesundheitsposten
Die Schule liegt nur wenige Meter entfernt. Hier werden täglich rund 300 Schüler von nur einem Lehrer unterrichtet – in Portugiesisch, Mathematik und Sachkunde. Kinder aus Mangue und Umgebung erhalten hier Unterricht, viele haben einen Schulweg von ein bis zwei Stunden. Die Schüler sitzen dicht gedrängt auf Holzbänken, Tische gibt es keine. Sie alle tragen weiße Kittel als Schuluniform. Auf Grund der geringen Kapazität des Gebäudes werden hier nur die ersten zwei Schuljahre unterrichtet. Eine Schule für die 3. und 4. Klasse wird derzeit mit Hilfe der DWHH im Ortsteil Cabuqueira gebaut und soll Ende des Jahres fertig sein. Wer länger zur Schule gehen will, muss dies im rund 50 km entfernten Amboiva tun.

Lernen in Mangue
Wir sind im Dorf. Hier leben rund 1.500 Menschen. Überall, wo wir mit unserem Jeep auftauchen, scharen sich die Kinder aller Altersklassen um uns. Sie sind scheu, aber auch neugierig, Erwachsene lassen sich zunächst kaum sehen. Die Kinder sind in schmutzige, zerrissene Kleider gehüllt, manche tragen sogar Schlafanzüge als Alltagskleidung. Schuhe hat kaum eines von ihnen, manche tragen Flip-flops. Die meisten Kinder haben aufgeblähte Bäuche – Zeichen einseitiger Ernährung und Parasitenbefalls. Die ganz kleinen Kinder weinen, als sie uns Weiße sehen, die größeren interessieren sich für unsere Fototechnik und lassen sich unter Jubelschreien die Fotos auf dem Kamerabildschirm zeigen. Spielzeug gibt es kaum – einige Kinder haben sich selbst welches gebaut: Roller aus Holz, kleine Autos aus Avocado, Bälle aus Kautschuk.

Die meisten Kinder sind mangelernährt.
Das Dorfoberhaupt – der Soba – und Mitglieder des Dorfkomitees empfangen uns auf dem Dorfplatz unter einem Baum mit ausladenden Ästen. An einem hängt eine verrostete Autofelge, die bei wichtigen Ereignissen als Glocke fungiert. Was auffällt, ist die Sauberkeit im Dorf, Müll gibt es hier keinen. Die Häuser sind aus sonnengebrannten Lehmziegeln gefertigt und mit Stroh gedeckt. Im Inneren ist es überraschend kühl. Die Einrichtung ist minimal: ein Tisch und Stühle, im zweiten Raum eine Matratze für die ganze Familie und an der Decke Seile, auf denen die Kleidung aufbewahrt wird. Manche Familien haben noch eine kleine Küche angebaut, die meisten haben lediglich eine kleine Feuerstelle außerhalb des Hauses. Diese wird mit Holz beheizt – und so legt sich in den Morgen- und Abendstunden der intensive Geruch von Holzfeuer über den ganzen Ort.

Im Hausinneren
Außerhalb des Ortes liegen die Felder der Familien – manche sind bis zu einer Stunde entfernt. Hier arbeitet die ganze Familie, außer den Kindern, die zur Schule gehen. Fast niemand aus dem Dorf hat Zugtiere, die Felder werden mit der Handhacke bearbeitet. Angebaut werden vor allem Maniok, Mais, Bohnen und Erdnüsse. Die Ernte reicht meist nur für die eigene Ernährung, verkauft werden kann kaum etwas davon.

Frauen und Kinder bei der Herstellung von Maniokmehl
Die Menschen in Mangue wissen die Unterstützung der Deutschen Welthungerhilfe zu würdigen. Dank der Organisation haben sie bereits eine Trinkwasserversorgung, die Schule, den Gesundheitsposten und eine Getreidemühle erhalten, dazu Saatgut, als sie 2002 nach dem Krieg in ihr Dorf zurück kehrten. Was sie sich jetzt am dringendsten wünschen, ist der Ausbau der Straßen, damit sie ihre Waren auf den Markt transportieren können. Außerdem möchten sie noch weiteres Obst und Gemüse anbauen, um sich vielseitiger ernähren zu können.

Trinkwasserversorgung
Die nächsten Projekte der DWHH ist das Anlegen von Medizinalgärten und der Kauf von 80 Rindern für Zugtieranspannungen. In den Medizinalgärten soll vor allem Artemisia angebaut werden, die als Grundstoff gegen Malaria gilt. Die Rinder werden unter der Bevölkerung aufgeteilt: ein Gespann für je fünf Familien.

Projektleiter Manuel Henriques mit getrockneter Artemisia, die als Tee gegen Malaria getrunken wird.
Trotz groĂźer Fortschritte bleibt also noch viel zu tun in Mangue, dem Millenniumsdorf in Angola, dem Partnerdorf fĂĽr Magdeburg im Jahr 2007.
(Karina Kunze, Presse- und Ă–ffentlichkeitsarbeit DWHH, Fotos: Karina Kunze/Bill Lyons)