{ Februar 16, 2010 }

“Einen winzigen Augenblick mal aussteigen”: Premiere fĂŒr “Der Mann der die Welt aß” am Schauspiel Magdeburg

“Einen winzigen Augenblick mal aussteigen” – ein Wunsch, der ĂŒber kurz oder lang, den einen hĂ€ufiger als den anderen, aber letztendlich doch wohl jeden ĂŒberfĂ€llt. Aussteigen – aus (selbst auferlegten oder ĂŒbergestĂŒlpten) ZwĂ€ngen, aus Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen (vor allem gegenĂŒber anderen), aus dem Malstrom aus Arbeit, Privatleben, ReizĂŒberflutung und den wieder daraus erwachsenden ZwĂ€ngen.

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Foto: Nilz Böhme

Von diesem Wunsch getrieben ist die Hauptfigur in Nis-Momme Stockmanns “Der Mann der die Welt aß”. Er ist Mitte 30 und namenlos, könnte also eigentlich jeder von uns sein. Diese NĂ€he der Zuschauer zum Text ist es vor allem, die letztendlich betroffen macht: Man erkennt sich wieder, mindestens einige Denkmuster und Verhaltensweisen oder man kennt jemand, der ebenso denkt oder handelt wie “der Mann der die Welt aß”. Stockmanns Text ist klar, einfach, direkt, oft besteht er nur aus Satzfetzen, abgebrochenen SĂ€tzen oder kurzen sprachlichen Schlaglichtern: “Du bist nicht mehr echt”, sagt die Hauptfigur zu seinem besten Freund Ulf – und sagt damit alles. “Ich bin so mĂŒde”, “Ich bin frei”, “Ich brauche meine Welt zurĂŒck” charakterisiert prĂ€zise die GemĂŒtszustĂ€nde des Namenlosen. Und wenn seine Ex-Frau Lisa von der “winzigen Spur von Mitleid” spricht, mit der sie als geschiedene Frau mit zwei Kindern von anderen angesehen wird, spricht auch das fĂŒr sich.
Stockmanns klare prĂ€gnante Sprache wird gestĂŒtzt vom emotionalen Spiel der fĂŒnf Darsteller: Ralph Martin als Namenloser, Peter Wittig als sein dementer Vater, Martin Reik als Bruder Phillip, Susanne Krassa als Ex-Frau Lisa und Sebastian Reck als Freund Ulf. Nichts lenkt ab vom Spiel der Figuren, Ausstatterin Christiane Hercher schuf einen schwarzen Raum, der nur von TĂŒren bestimmt wird. Auch Requisiten werden extrem sparsam genutzt, die Figuren stehen in der bildhaften Inszenierung von Stefanie Sewella ganz klar im Vordergrund. Diese stecken allesamt in ihren ZwĂ€ngen, doch nur einer von ihnen scheitert an ihnen und wagt den Ausbruch, der doch keiner ist und sein kann. Ralph Martin entwickelt mit spielerischer PrĂ€zision den psychischen Niedergang seiner Figur. Zu StĂŒckbeginn noch etwas hölzern, abgeklĂ€rt und ziemlich frei von Emotionen jeglicher Art schafft es Martin im Laufe des StĂŒckes sogar, seinen psychischen Kollaps physisch sichtbar zu machen. Pure Verzweiflung, Resignation, aber auch seine eigene Art von Liebe macht aus dem gebrochenen einen echten Menschen. Peter Wittig spielt den demenzkranken Vater auf eine Art, die den Zuschauer stĂ€ndig zwischen Mitleid, Entsetzen und Belustigung schwanken lĂ€sst. Kindliche UnbekĂŒmmertheit wechselt mit tiefempfundener Scham und knallharter Realisation seines geistigen Zustandes. Trotz stĂ€ndiger, teilweise sogar gewalttĂ€tiger, DemĂŒtigungen seines Sohnes betont er immer wieder seinen Vaterstolz.
Am Ende bricht alles zusammen, der letzte Ausweg schwindet, als Bruder Phillip beim Joggen mit einem tödlichen Asthmaanfall ins Krankenhaus kommt. Auch diese Verantwortung lastet auf der Hauptfigur, denn wie alle anderen Menschen um sich herum hat er auch seinen Bruder vernachlĂ€ssigt und dessen Krankheit nicht ernst genommen. Die Schuld wiegt zu schwer als dass er auch diese noch schultern könnte und so steigt er ein letztes Mal aus … um dann gemeinsam mit Vater und Bruder den Weg ins Licht zu gehen. Zu den GesĂ€ngen des “Stabat Mater” und dem Versprechen des Vates: “Jetzt, mein Sohn, kommen bessere Zeiten”.

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