(Ăber)fordernde Bildgewalt: “Imagine â Was wĂ€re wenn”
âImagine â Was wĂ€re wenn…â, so der Titel des neuen Tanzabends der Magdeburger Ballett-Company, der am vergangenen Donnerstag seine UrauffĂŒhrung erlebte. Der Name ist Programm: âImagineâ. Die Vorstellungskraft der Zuschauer ist gefordert, vor allem im ersten Teil des Abends.
â3012â nennt nennt Sylvia Camarda ihre Choreografie. Sie entwirft eine gesellschaftliche Zukunftsvision, die, genauso wie viele zukunftsvisionĂ€re Filme, ein dĂŒsteres Bild von der Entwicklung der Menschheit zeigen. Bei ihrem Zukunftsentwurf stĂŒtzt sich Camarda auf aktuelle auf aktuelle Geschehnisse wie Umweltzerstörung, ergebnislose Klimagipfel, vermehrte Naturkatastrophen…, und entwickelt diese zu einem konsequenten Ende, dem Untergang der Welt. Dies erschlieĂt sich dem Zuschauer leider so richtig erst in der zweiten HĂ€lfte ihrer Choreografie. Dann lĂ€sst sie die TĂ€nzer sprechen. In verschiedenen Sprachen geben sie einen KurzĂŒberblick ĂŒber Weltuntergangsprophezeihungen aus den vergangenen Jahrhunderten â von Papst Sylvester im Jahr 999 bis zu den Maya, die den Untergang der Welt fĂŒr das Jahr 2012 voraussagen. Am Ende wird die Frage nach dem âWarumâ heraus gebrĂŒllt: âWarum wurde die Welt zerstört?â Und die Frage wurde auch gleich beantwortet: FĂŒr Geld. Und am Ende steht John Lennons Wunsch nach âliving life in peaceâ. Die Musik wird live gespielt von den TĂ€nzern Matthias Kass und Tobias McIsaac, zum GroĂteil auf der E-Gitarre. â3012â fordert den Zuschauern, musikalisch als auch von den Bildern her. Den Musiker, die TĂ€nzer , sie Ăbersetzungen des gesprochenen Worts in der Ăbertitelung, dies alles ist eine gewaltige Flut an gleichzeitig erlebten EindrĂŒcken, die vom Zuschauer jedoch auch nur schwer gleichzeitig verarbeitet werden können. Vieles ist schwer erschlieĂbar, die Choreografin nimmt ganz bewusst auch deshalb die Sprache zuhilfe, um die getanzten Bilder verstĂ€ndlich zu machen. Doch Tanz sollte sich aus sich selbst heraus erklĂ€ren können.

Dies schafft dann nach der Pause der zweite Teil des Abends umso beeindruckender: âBootsâ von Diane Coburn Bruning beschreibt das Thema Krieg. Hier sind die Bilder klar, der Handlungsstrang leicht erschlieĂbar, die Musik weniger aggressiv, die Choreografie ist klassischer und weniger âartistischâ als in â3012â. Bruning zeigt die Geschichte eines Krieges, irgendeines Krieges, denn Kriege verlaufen immer gleich: Motivierte junge MĂ€nner, die mit Freude bereit sind, sich fĂŒr ihr Vaterland zu opfern, das Abschiednehmen der Soldaten von ihren Freundinnen, Frauen, Kindern und MĂŒttern, das Leben im Krieg, auf dem Exerzierplatz, das Wiedersehen der Familie und wieder das Abschiednehmen und der Tod. Die Choreografin findet Bilder, die zu Herzen gehen, die den Zuschauer anrĂŒhren. So setzt der Tanz von Kirill Sofronow und der kleinen Monique Blaszyk zu Bob Dylans âBlowing In The Windâ, eingespielt von Tobias MacIsaac und Detlef Wiedecke, ein Zeichen der Hoffnung gegen die Schrecken des Krieges, denn: âFĂŒr mich drĂŒckt Bob Dylan in seinem Lied âBlowing In The Windâ dieselbe pazifistische Utope aus wie John lennon in âImagineââ, sagt Diane Coburn Bruning. Dagegen sind die Schrecken eines Krieges nicht sichtbar gemacht, manifestieren sich jedoch in Kriegsgeschrei, marschierenden FĂŒĂen und drĂŒhnenden Hubschraubern als GerĂ€uschkulisse aus dem Off.

Insgesamt ist âImagine â Was wĂ€re wennâ ein aufrĂŒttelnder, aber auch emotionaler Abend, der den Zuschauer zum Mit- und Nachdenken zwingt. Möglicherweise bleiben dabei viele Fragen der Deutung offen, vor allem bei â3012â. Der Abend zeugt jedoch wieder einmal von der hohen tĂ€nzerischen QualitĂ€t der Magdeburger Company, die in den beiden Teilen des Abends doch sehr unterschiedliche Choreografie-Stile bewĂ€ltigen muss. Und es ist in jedem Fall ein Abend, den man sicherlich mehrfach sehen muss, um die komplette Bildgewalt verarbeiten zu können.
Fotos: Nilz Böhme/Theater Magdeburg