{ Februar 5, 2010 }

(Über)fordernde Bildgewalt: “Imagine – Was wĂ€re wenn”

„Imagine – Was wĂ€re wenn…“, so der Titel des neuen Tanzabends der Magdeburger Ballett-Company, der am vergangenen Donnerstag seine UrauffĂŒhrung erlebte. Der Name ist Programm: „Imagine“. Die Vorstellungskraft der Zuschauer ist gefordert, vor allem im ersten Teil des Abends.
„3012“ nennt nennt Sylvia Camarda ihre Choreografie. Sie entwirft eine gesellschaftliche Zukunftsvision, die, genauso wie viele zukunftsvisionĂ€re Filme, ein dĂŒsteres Bild von der Entwicklung der Menschheit zeigen. Bei ihrem Zukunftsentwurf stĂŒtzt sich Camarda auf aktuelle auf aktuelle Geschehnisse wie Umweltzerstörung, ergebnislose Klimagipfel, vermehrte Naturkatastrophen…, und entwickelt diese zu einem konsequenten Ende, dem Untergang der Welt. Dies erschließt sich dem Zuschauer leider so richtig erst in der zweiten HĂ€lfte ihrer Choreografie. Dann lĂ€sst sie die TĂ€nzer sprechen. In verschiedenen Sprachen geben sie einen KurzĂŒberblick ĂŒber Weltuntergangsprophezeihungen aus den vergangenen Jahrhunderten – von Papst Sylvester im Jahr 999 bis zu den Maya, die den Untergang der Welt fĂŒr das Jahr 2012 voraussagen. Am Ende wird die Frage nach dem „Warum“ heraus gebrĂŒllt: „Warum wurde die Welt zerstört?“ Und die Frage wurde auch gleich beantwortet: FĂŒr Geld. Und am Ende steht John Lennons Wunsch nach „living life in peace“. Die Musik wird live gespielt von den TĂ€nzern Matthias Kass und Tobias McIsaac, zum Großteil auf der E-Gitarre. „3012“ fordert den Zuschauern, musikalisch als auch von den Bildern her. Den Musiker, die TĂ€nzer , sie Übersetzungen des gesprochenen Worts in der Übertitelung, dies alles ist eine gewaltige Flut an gleichzeitig erlebten EindrĂŒcken, die vom Zuschauer jedoch auch nur schwer gleichzeitig verarbeitet werden können. Vieles ist schwer erschließbar, die Choreografin nimmt ganz bewusst auch deshalb die Sprache zuhilfe, um die getanzten Bilder verstĂ€ndlich zu machen. Doch Tanz sollte sich aus sich selbst heraus erklĂ€ren können.
3012klein
Dies schafft dann nach der Pause der zweite Teil des Abends umso beeindruckender: „Boots“ von Diane Coburn Bruning beschreibt das Thema Krieg. Hier sind die Bilder klar, der Handlungsstrang leicht erschließbar, die Musik weniger aggressiv, die Choreografie ist klassischer und weniger „artistisch“ als in „3012“. Bruning zeigt die Geschichte eines Krieges, irgendeines Krieges, denn Kriege verlaufen immer gleich: Motivierte junge MĂ€nner, die mit Freude bereit sind, sich fĂŒr ihr Vaterland zu opfern, das Abschiednehmen der Soldaten von ihren Freundinnen, Frauen, Kindern und MĂŒttern, das Leben im Krieg, auf dem Exerzierplatz, das Wiedersehen der Familie und wieder das Abschiednehmen und der Tod. Die Choreografin findet Bilder, die zu Herzen gehen, die den Zuschauer anrĂŒhren. So setzt der Tanz von Kirill Sofronow und der kleinen Monique Blaszyk zu Bob Dylans „Blowing In The Wind“, eingespielt von Tobias MacIsaac und Detlef Wiedecke, ein Zeichen der Hoffnung gegen die Schrecken des Krieges, denn: „FĂŒr mich drĂŒckt Bob Dylan in seinem Lied ‘Blowing In The Wind’ dieselbe pazifistische Utope aus wie John lennon in ‘Imagine’“, sagt Diane Coburn Bruning. Dagegen sind die Schrecken eines Krieges nicht sichtbar gemacht, manifestieren sich jedoch in Kriegsgeschrei, marschierenden FĂŒĂŸen und drĂŒhnenden Hubschraubern als GerĂ€uschkulisse aus dem Off.
Bootsklein
Insgesamt ist „Imagine – Was wĂ€re wenn“ ein aufrĂŒttelnder, aber auch emotionaler Abend, der den Zuschauer zum Mit- und Nachdenken zwingt. Möglicherweise bleiben dabei viele Fragen der Deutung offen, vor allem bei „3012“. Der Abend zeugt jedoch wieder einmal von der hohen tĂ€nzerischen QualitĂ€t der Magdeburger Company, die in den beiden Teilen des Abends doch sehr unterschiedliche Choreografie-Stile bewĂ€ltigen muss. Und es ist in jedem Fall ein Abend, den man sicherlich mehrfach sehen muss, um die komplette Bildgewalt verarbeiten zu können.

Fotos: Nilz Böhme/Theater Magdeburg

ZufallsbeitrÀge
Eine verrĂŒckte Komödie im Dunkeln
Seit zehn Jahren ist die Villa in der Zollstraße nun schon das Domizil des Theaters an der Angel. Zehn Jahre, in denen das alte GemĂ€uer und das, was theatralisch in seinem Inneren geboten wird, in Magdeburg einen gewissen Kultstatus erlangt hat. // Lesen Sie mehr...
Verdis „La Traviata“ mit starker Hale Soner am Opernhaus Magdeburg
Zwei große Gewinner gab es bei der Auftaktpremiere der neuen Spielzeit am Theater Magdeburg. Giuseppe Verdis „La Traviata“ stand auf dem Premierenplan, eine der Opern der Musikgeschichte, bei denen ein paar schamhaft verdrĂŒckte TrĂ€nchen am Ende nahezu garantiert sind. // Lesen Sie mehr...